Leseprobe



Nach meiner ersten Nacht in Roma stand ich schon bei brütender Hitze auf. Wem begegnete ich als erstes? Lorenzo! „Guten Morgen, Lavinia.“, flötete er. Ich schenkte ihm einfach keine Beachtung. „Du bist sauer, stimmt‘s?“
Sauer?! Nein, ich war stinksauer, übelst stinksauer! Ich drehte mich herum und ging die Treppen, die in die Eisdiele führten, herunter. „Lavinia, ich musste gestern zu meiner Oma.“, rief er mir hinterher. Das war ja wohl die allerdümmste Ausrede, die ich je gehört habe! Was denn, Kuchen und Wein bringen? „Sie kommt nicht gut in die Stadt und ich musste ihr etwas vorbeibringen. Tut mir echt leid.“ Na gut, ich wollte mal nicht so sein. „Okay...“, murmelte ich, während er mir um den Hals fiel.
„ Buongiorno!“, rief mir Signora Frankenstein entgegen, als ich die Eisdiele betrat. „Buongiorno!“, entgegnete ich mit einem aufgesetzten Lächeln. Ich setzte mich neben Lorenzo an einen der Tische und beobachtete die Straße.
Plötzlich sah ich einen... einen... mir fehlten die Worte. „Wwwer ist das?“, stammelte ich. Lorenzo drehte sich herum und blickte auf die Straße. „Ich denke du meinst Luigi?“ „Luigi! Mann, siehst du gut aus!“, hatte ich mal wieder viel zu laut gedacht. Das stellte ich auch gleich richtig. „Hab nur laut gedacht.“, murmelte ich. „Ist schon kein Problem, Cousinchen. Ganz Rom steht auf Luigi Lunardi.“, meinte Lorenzo. Na toll. „Und Luigi spricht nur Italienisch.“, fügte mein Cousin hinzu. Das wurde ja immer besser. Es gab also nur noch eine Möglichkeit. „Lorenzo, du musst mir Italienisch beibringen, bitte!“ „Ich dachte, du wolltest mich um nichts mehr bitten!“, lächelte er. „Lorenzo, das hier ist etwas ganz anderes, ein echter Notfall!“ „Und was war das gestern Abend?“, er machte eine kurze Pause, „Ich werde Luigi mal zu uns rufen!“ Nein, bitte nicht! Ich, ... meine Haare, ... oh Gott, ... NEIN! Doch Lorenzo wedelte schon mit seinem Arm in der Luft. Ich versank im Stuhl und breitete mich wie eine flüssige Substanz auf dem Fußboden aus. Luigi betrat die Eisdiele. Wurde der Raum heller oder wurde der Raum heller?
Keine Ahnung. Lorenzo begrüßte Luigi und erzählte ihm irgendetwas auf Italienisch. „Cugina“, meinte Luigi und musterte mich. „Das hab ich verstanden, Cugina heißt „Schönheit“!“, flüsterte ich zu Lorenzo. „Quatsch. Cugina heißt Cousine. Bellezza heißt Schönheit.“ Wahrscheinlich hatte sich bei Luigis Anblick mein Gehirn ausgeschaltet! Doch dann verabschiedete sich Luigi und ging... heul. „Er kommt heute Abend wieder“, schallten Lorenzos Worte, die ich wie in Trance aufnahm.
Sofort erhob ich mich von meinem Stuhl und rannte hoch. Das war der offizielle Startschuss für einen eintägigen Stylingmarathon! Ich werde mich den ganzen Tag über stylen, bis... bis Luigi kommt!
Nun war es endlich soweit! Nur noch wenige Minuten und Luigi würde durch die Tür kommen. Ich war von Kopf bis Fuß gestylt. Hatte ein langes, rotes Kleid an. Plötzlich bewegte sich der Türgriff, den ich seit Minuten fixierte nach unten und die Tür ging auf. Luigi stand im Türrahmen.
„ Buona sera!“, rief er. Lorenzo bat ihn sich zu uns zu setzen. Er hatte mir, während ich mich geschminkt habe, immer wieder italienische Vokabeln zugeworfen. „Come stai?“, fragte mich Luigi. Das heißt „Wie geht es dir“. Mir ging es prächtig! „Io sto bene.“ Luigi lächelte. Mann, war der süüüß. „Eis oder wie sagt man hier in Italien, Gelato?“, fragte Lorenzo in den Raum hinein. Seine Frage wurde von uns beiden bejaht.
Der Abend verlief wunderbar. Lorenzo unterhielt sich zwar nur mit Luigi auf Italienisch und ich saß, nichts verstehend, daneben, doch ich konnte den ganzen Abend Luigi ansehen. Ab und zu versuchte Lorenzo mich ins Gespräch einzubinden. Das funktionierte allerdings nicht wirklich. Doch dann fragte er mich, ob ich Lust hätte mit den beiden das Kolosseum am nächsten Tag zu besichtigen. „Hah!“, stieß ich aus, „das musst du ja wohl nicht fragen!“ Luigis Gesicht hellte sich auf. Freute er sich etwa darüber, dass ich mitkam? Sein Lächeln war einfach bezaubernd...
Nach zwanzig Minuten Tagesplanung auf Italienisch, war es leider schon soweit und Luigi verabschiedete sich. „Buona notte!“, rief er und verschwand in der Dunkelheit. Ich blickte ihm, so weit es mir möglich war, nach.